Die Knigge-Wächterin

Frank, der Mann meiner Freundin Bianca, arbeitet in einem sehr großen Konzern, wurde befördert und fand in seinem Email-Postfach eine Einladung zu einem Führungskräfte-Kick-Off-Meeting, bei dem „Casual“ als Dresscode vorgegeben wurde.

Etwas ratlos leitete er die Email an seine Frau weiter. Was solle er denn nun anziehen? Bianca kopierte aus dem aktuellen Online-Knigge ein paar Tipps. So wäre es am besten, keine Comic-Socken oder Hawaii-Hemden anzuziehen, auch Shorts sind nicht die erste Wahl und Krawatten bleiben zu Hause. Gewaschen und deodoriert wäre aber trotzdem schön unter einem Hemd mit Pulli und ordentlicher Hose. Mit diesen liebevollen Hinweisen schickte sie die Antwort zurück ins Werk und wartete grinsend vor dem Rechner auf das Feedback ihres Gatten. Das kam erst nach Stunden und zwar in Form eines aufgebrachten Anrufs. Der Betriebsleiter bat um einen Termin bei sich im Büro, da er gerne den Mitarbeiter kennen lernen wollte, dessen Gattin ihn bat, auch beim Casual-Meeting auf Deodorant nicht zu verzichten. Bianca hatte die Tipps leider zum Chef, nicht zum Gatten, geschickt.

Immerhin bedankte sich der Chef auch freundlich bei seiner virtuellen Stylingberaterin und versprach sich im Sinne von Knigge dem Casual-Dresscode zu unterwerfen. Nun durfte sich auch Frank nicht blamieren und wurde von Bianca ins örtliche Bekleidungshaus der kleinen Vorstadt geschleift, um comicfrei und mit langer Büx ausgestattet zu werden.

Mittlerweile wusste das gesamte Werk von dem Vorfall und feixte so sehr, dass Frank am Tag des Meetings etwas unwohl wurde. Aber egal, was die Kollegen sagen würden, er war zumindest ordentlich angezogen.

Dreihundert leitende Mitarbeiter waren anwesend, aber nur zwei trugen identische Pullis und Hemden. Frank und sein Chef. Kein Wunder, sie lebten in der gleichen Vorstadt und hatten ja die gleiche Stylingberaterin.

Ihre
Tina Voß