Altersklasse Fehlsichtigkeit

Als ich neulich auf einem Seminar meine Brille aufsetzte, um die gefühlte 3-Punkt-Schrift der Präsentation zu lesen, stellte ich fest, dass sich eine inakzeptable Altersfehlsichtigkeit meiner Augen bemächtigt hatte. Ich sah die Notizen vor mir wie nach vier Gläsern Bier: verschwommen. Nur, dass es nicht so lustig war wie mit Bier.
Wochenlang übte ich das Aussprechen von „Gleitsichtbrille“. Als ich es ohne Grusel sagen konnte, suchte ich einen ortsansässigen Optiker auf, der mir eine G-Brille verkaufte. Ich torkelte durch den Laden und wurde beruhigt, dass „sich die Augen nach spätestens einer Woche daran gewöhnt hätten.“  Schaut man nach unten, sieht es aus, als würden die Füße unter Wasser stehen, guckt man mit dem oberen Teil der Gläser auf die bösartig kleine Schrift von Beipackzetteln, sehen die Buchstaben aus wie Fliegenschiss.
Das Umherwandern des Blickes im Raum, geht nur noch mit einer aufwendigen-Kopf-Augen-Rotation. Ich schaue die Welt jetzt an, als wäre ich eine Kamera ohne Zoom. Will ich wohin schauen, drehe ich den ganzen Kopf, möchte ich meine Füße betrachten, gehe ich soweit runter, als würde ich im Stehen vom Fußboden essen wollen.
Daheim angekommen, wollte ER meine Brille aufprobieren und setzte sein Modell, mit deutlich stärkeren Gläsern, ab.

ER: „Wie steht sie mir?“

Ich: „Gut. Geh mal zum Spiegel.“

ER (unwirsch): „Was soll das bringen?“

Ich: „Du siehst dann, wie du damit aussiehst?“

ER: „Ich kann nichts erkennen. Ist alles verschwommen.“

Dann nahm ER sein iPhone, machte eine Serie Selfies von sich und setzte die eigene Brille wieder auf, um sich auf den Fotos zu betrachten. So ein bisschen Altersfehlsichtigkeit finde ich jetzt gar nicht mehr so schlimm.

 

Ihre Tina Voß