Zimmer frei

Die Einrichtung von ländlichen Mittelklasse-Hotels scheint eine verborgene Resozialisierungsmaßnahme für straffällige Architekten zu sein. Wie sonst sind die schaurigen Gestaltungen zu erklären? Ich kenne niemanden, der sich ein Obst-Stillleben im Goldrahmen übers Sofa nagelt und das Thema wieder aufnimmt, in dem er eine Porzellanvase (mit Goldrand!) voller Plastikblumen damit korrespondieren lässt. Das Plastikdeckchen in Häkel-Optik rundet das Bild ab und ist unzerstörbar.

Die Stehlampe mit Brokatschirm samt obligatorischen Fransen findet ihren Design-Zwilling im Bettüberwurf und in den Gardinen. Der letzte Stoffrest wurde mit der Nachttischlampe aufgebraucht, aus deren Schirm oben eine lange Energiesparlampe raus ragt, die wie ein schlecht verstecktes Laser-Schwert das Zimmer ausleuchtet. Als die Lampe gebaut wurde, feierte man noch die Glühlampe als Status Quo. Generationen von Drahtbügeln aus der örtlichen Reinigung klimpern bei Wind im Presspappeschrank und der muffige Geruch des selbigen lässt einen an einen feuchten Keller denken.

Wenn aus dem Schrank und den Vorhängen nachts die Moskitos ihren Angriff fliegen, weiß man auch, warum die Familiendose Insekten-Tod mittig auf dem Nachtschrank steht.  Aber ich habe die Strategie durchschaut. Ein trostloses Zimmer, ein Mini-TV-Gerät mit verschwommenem Bild und schon übt die Mini-Bar eine große Anziehungskraft auf den verzweifelten Hotelgast aus. Mit Alkohol machen die die meisten Umsätze, munkelt man.

Ihre Tina Voß