Zieht euch warm an!

Wenn in einer Firma ein Rudel Frauen in ähnlicher Altersgruppe (20 – 55 Jahre; ich runde aufgrund des demografischen Wandels großzügig nach oben) arbeitet und alle unter westeuropäischen Einfluss aufgewachsen sind, gleicht sich der Kleidungsstil an.  Vor allem, so lange Taschador, Sari und thailändische Fischerhosen (die sehen immer aus, als hätte man eine Windel mit Beinen an) aus ästhetischen oder religiösen Gründen abgelehnt werden, kann man Überschneidungen kaum verhindern.

Eine Kollegin aus dem Vertrieb und ich bevorzugen dunkle Anzüge mit blauen Blusen und Hund an der Leine. Schnell denkt man auf den ersten Blick, dass wir in Uniform unseren Mittagspausenauslauf absolvieren, bevor wir wieder in den ICE klettern, um mit unseren portablen Supermarktscannern schlafende Beförderungsfälle zu foltern.

Erschwerend gibt es bei uns abteilungsinterne Ausflüge zu den großen Outletcentern der Region, um zielsicher mit der Beratung einer Kollegin exakt das gleiche Teil zu kaufen. Da die Center oftmals Sonderposten (sehr große Stückzahl des immer gleichen Teils) feilbieten, gibt es keinen anderen Ausweg, denn das Gehirn will in der Belohnungszone einen Erfolg verbuchen. Zudem haben wir einen Taschenhersteller als Kunden und tragen wir auch gerne alle dessen Produkte auf der Hüfte. Aufgrund einer Nikolausaktion besitzen wir auch alle identische Fell-Schminktäschen.

Nun hat eine Mitarbeiterin sich eine Wellensteyn-Jacke außerhalb des Firmenkollektivs gekauft, die auch Anklang im Kollegenkreis findet. Leider hat ein Seitenarm meiner Familie preislich interessante Beziehungen zu Sonderposten des Herstellers und hat sich bereits mit eben diesen Polarjacken eingedeckt. Somit war ich schon mal raus. Aber eine einzige Kollegin würde sich gerne diese Jacke kaufen. Das heißt, dass statt der sonst üblichen mindestens fünfundzwanzig Kleidungszwillinge nur ein einziger Firmen-Klon so rumlaufen würde. Nun läuft die Erstkäuferin Amok, pocht auf ihr Recht zur Individualität und möchte ihrer Kollegin das wärmende Oberteil in einer gewöhnungsbedürftigen bräunlichen Farbe ausreden.

Ich erwäge nun ein offizielles Firmenschreiben an den Hersteller mit der Bitte um Mengenrabatt für dieses schlammfarbene Teil, damit das Kollektiv sich angemessen kleiden kann und die Erstbesitzerin viele, viele Kleidungsgenossinnen findet.

Ihre

Tina Voß