Zeremonienmeister

Wenn ER sich einer Sache widmet, gibt ER sich ihr ganz hin. Lesen, Technik-Blogs studieren, in einem Star-Wars-Online-Spiel gegen virtuelle Gegner kämpfen. Egal. ER versinkt in der Tätigkeit. Sind wir in Ostfriesland, trinkt ER nicht einfach Tee. Nein, ER zelebriert das. Vorher hat ER sich in Fachgeschäften beraten lassen, einschlägige Bedienungsanleitungen gelesen, Einheimische beobachtet und dann legt ER los.
Die Kanne wird mit heißem Wasser vorgewärmt, danach wird das Wasser weggekippt. Neues heißes Wasser wird soweit aufgegossen, dass die Teeblätter bedeckt sind. Dabei doziert ER, sonst eher sparsam in der Verschwendung von Wörtern, über die Menge der Teeblätter pro Tasse im Quadrat zur Kanne. Ungefähr an der Stelle erlischt mein Interesse, wie bei einer Kerze, die einen Eimer Vorwärm-Tee-Wasser abbekommen hat, schlagartig.
Irgendwann bimmelt der Timer. Nun wird wieder Wasser aufgegossen und gewartet. ER stellt Sahne („für die Wölkchen“) und Kandis, groß wie Kinderfäuste, bereit. Ich schiele in die Kanne. Hatte ER versehentlich Schwarztee-Konzentrat erwischt? Das sah aus wie Teer. Unbeeindruckt ob der Färbung, schüttet ER den Teer über den knackenden Kandisbrocken („Das Knacken ist wichtig. Dann stimmt die Temperatur“) und greift zur Sahne, die ER so vorsichtig reintröpfelt, als wäre es Glyzerin. Dann wird alles beobachtet.
„Schau mal, jetzt bilden sich die Wölkchen!“
Ich schaue. Sahne wabert durch den Teer. Vorsichtig nippt ER an seiner Tasse und verzieht das Gesicht.
„Du solltest das mal umrühren“, schlage ich vor.
„Das trinkt man so. Erst der herbe Teegeschmack, dann die vollmundige Sahne und ganz unten der aufgelöste Kandis.“
„Also zuerst schmeckt es bitter, dann fettig und dann gritze süß?“
ER schweigt und trinkt seinen Schichtkäse mit stoischer Miene zu Ende. Konsequent ist ER ja, auch wenn es schmeckt wie Teer mit Zuckerwatte.

 

Ihre Tina Voß