Zahnfee

Wie verbringt man die Zeit mit Warten auf eine Zahnoperation? Ich weiß nur, was man auf gar keinen Fall tun sollte. Allen Menschen, inkl. Kollegen, Freunden und Nachbarn, davon zu erzählen. Die große Anzahl von tröstenden Worten wiegen einen zukünftigen Zahn-Patienten anfangs im warmen Mitgefühl, aber hinterm Zuspruch beginnt das Grauen mit: „Du ahnst gar nicht, was mir bei einer ähnlichen Sache passiert ist…“ Und dann folgt eine Geschichte, die mir den Atem raubt. Gesteigert wird der Zahn-Horror nur noch mit der Einleitung: „Einem Bekannten meiner Mutter (Vater oder Schwager geht auch) ist dabei…“Hilfe! Wo prüft man den Wahrheitsgehalt von solchen Albträumen am besten? Im Internet. Damit nicht so viel Zeit beim Lesen vergeht, gleich in der Suchleiste auf die Bilder-Ergebnisse springen. Ich starrte auf Fotos von faustgroßen Löchern im Kiefer von mir unbekannten Menschen, wo das Blut in Fontänen raus sprudelte, sah komplett unter OP-Hemden verschwindende Körper, bei denen gefühlte zwanzig Hände in jetzt bereits zahnlosen Mundhöhlen rumfuhrwerkten und war empört. Waren solche Bilder im Internet erlaubt? Wo blieb der Patienten- oder auch Jugendschutz? Was erzählten diese Menschen wohl ihren Freunden, wie es ihnen ergangen war?Ich esse beim Warten jetzt noch so viel wie reingeht (Zitat Chirurg: Danach wollen Sie auch lange keine feste Nahrung zu sich nehmen), trinke mit einem Schlauch den Espresso direkt aus der Maschine (Zitat: Koffein verzögert die Wundheilung), schaufele Joghurt in mich rein (was Laktose macht habe ich vergessen, war aber auch unschön) und schreibe diesen Text fertig. Dann fahre ich zu meiner Zahnfee, die sich nur als Chirurg verkleidet hat und lasse mir über die Wange streicheln. Und morgen ist schon alles vergessen.

Ihre Tina Voß