Wortmeldungen

Früher in der Schule konnte man die Streber gemeinschaftlich verkloppen, die sich immer gemeldet hatten, weil sie ihre mündliche Note nicht unter „sehr gut“ absinken lassen wollten. Wobei es auch feine Wortbeiträge gab, die sich lebenslang im Gehirn festkrallen. Sabine fragte seinerzeit, nachdem wir in der 7. Klasse ein ganzes Schuljahr lang den Roman „Die letzten Kinder von Schewenborn“  gelesen hatten: „Frau Tibi, ist das wirklich passiert?“ Die Frage an sich wäre erst mal nicht ungewöhnlich, sofern es sich um eine Liebesgeschichte, sozialkritisches Drama o.ä. gehandelt hätte. Leider handelte das Buch von einem alles vernichtenden Atomkrieg, der ganz Europa verglüht hatte. Ungefähr da fingen meine Vorbehalte gegen Wortmeldungen an.Ich glaube, dass manche Menschen das Damoklesschwert einer mündlichen Note noch immer über ihren Köpfen haben.  Wenn ein Vortragsredner mit „Ihre Fragen, bitte“ seine Ausführungen beendet, gibt es immer einen, meist männlichen Zuhörer (tschuldigung, Jungs), der statt einer Fachfrage ein Co-Referat startet, um das Auditorium  mit seinem eigenen fundierten Wissen zu beeindrucken.  Weicht der eigene Bildungsschatz leider vom Referententhema gänzlich ab, ist das aber auch kein Problem. Mit dem Satz aus der kleinen Medienfibel  für Politiker und anderen Angehörigen des öffentlichen Lebens „Ihre Ausführungen sind ja sehr interessant, aber grundsätzlich geht es dabei auch um X oder Y...“ kann der vom Zuhörer zum Frager mutierte Mensch von der Atomphysik bis hin zu Zahnimplantaten jedes Thema abfackeln. Hat man wirklich rein gar nichts zum Thema zu sagen, bedankt man sich beim Redner für dessen Ausführungen und bittet um eine Visitenkarte. So suggeriert man in einer Art Handstreich dem Rest-Publikum die eigene Wichtigkeit und das gänzlich befreit von Wissen.Verkloppen darf man die heute nicht mehr, oder?

 

Ihre
Tina Voß