Wir haben einen Neuen

Seit kurzem lebt bei uns daheim ein gieriger, schnell wachsender Mitbewohner, der es dunkel und warm mag. Das schönste daran ist, wir nehmen seine Stoffwechselprodukte zu uns. Klingt abstoßend, ist es aber eigentlich nicht.

Dank meiner Freundin wohnt bei uns nämlich ein tibetanischer Kefirpilz. Der brodelt über Nacht in einem Liter Milch vor sich hin, frisst den quasi auf und lässt ein säuerliches Etwas zurück, das man trinkt und das randvoll mit gesunden Eigenschaften ist.  Da so ein Kefir irgendwie auch ein Lebewesen ist, rede ich manchmal mit dem Ding. Im Grunde ist das nichts anderes, als wenn ich mit IHM rede. Eigentlich ist es sogar besser, denn der Kefirpilz bestellt nichts im Internet, das ich aus dem Büro nach Hause schleppen muss. Aber leider geht der Pilz auch nicht mit dem Hund Gassi oder grillt Bratwürste. Beide mögen aber gerne Milch. Sie sind sich ähnlicher als man auf den ersten Blick vermutet. Heute Abend stelle ich den fressenden Pilz mal zu uns ans Sofa. Vielleicht schaut er auch gerne fern?

Der Pilz wächst ohne Unterlass, was ich meiner Kollegin Julia erzählte. Sie erklärte mich für skurril. Dann brachte ich ihr ein Kind von meinem Kefir mit. Das habe ich ihm quasi aus dem Leib geschnitten. Es ist ja so schwer, die Kleinen in die Welt ziehen zu lassen. Heute hat sie mir begeistert von der ersten Nacht mit ihrem Neuen berichtet. Wie er in der Flasche mit der Milch sofort glücklich mit seinem Werk begann und alles verstoffwechselte. Sie freut sich schon auf heute Abend, wenn sie nach Feierabend schauen kann, wie sein Tag gelaufen ist. Ich glaube, sie wollte deswegen sogar früher nach Hause. Schließlich ist er den ganzen Tag alleine! Wer ist hier skurril?

 

Ihre Tina Voß