Verschlusssache

Ich habe ein Radio zu Weihnachten geschenkt bekommen. Das mache ich an und dann dudelt es Musik. Ende der Geschichte. Meine Freundin Sandra hat eine Kamera bekommen. Wer nun denkt, die macht sie an, schießt Fotos und gut, hat sich getäuscht. Sandra liest sich ein, reißt nachts zu Hause aus, um bei einem bestimmten Licht ein bestimmtes Foto zu schießen und leuchtet jedes Graffiti in Linden stundenlang aus, um es im richtigen Licht wirken zu lassen. Graffitis kommen nämlich im sanften Morgenpastell ganz anders rüber als in der Abenddämmerung.Würde Sandra sich mit dem gleichen Eifer in die Ausarbeitung alternativer Energieideen stürzen, würde Hannover leuchten wie ein Weihnachtsbaum – ohne Atomstrom.Die Technik einer Spiegelreflex-Kamera scheint ähnlich komplex wie die der NASA. Und die Anleitung zur Bedienung ist so dick wie das Berliner Telefonbuch. Und alles will ausprobiert werden. So wird man schon mal unvorteilhaft mit einer senfgetränkten Bratwurst halbverdaut im Mund aufgenommen. Sieht dämlich aus, ist aber perfekt ausgeleuchtet. Blendenverschlusszeiten und ein Weißabgleich (was zum Geier ist das?) sind normale Gebrauchswörter geworden.
„Was ist das für ein Knopf?“, fragte ich Interesse vorgaukelnd.
„Das ist die Vollautomatik.“
„Was kann die?“
„Die macht jede mögliche Einstellung vollautomatisch.“
„Und warum benutzt du das nicht?“
Todbringender Blick. Ende des Gespräches. Was hat sie nur?

 

 

Ihre Tina Voß