Tierreich

Dass Männer sich bei der Bewertung von Veränderungen an Frauen schwer tun, ist kein Geheimnis. ER ist ein Prototyp dieser Spezies. Kürzlich trafen wir eine Bekannte mit fluffiger Frisur, die an ausfasernde Zuckerwatte erinnerte. Während ER sie noch irritiert ansah, erklärte sie: „Schick oder? Ich komme gerade vom Friseur.“ ER wand sich. Die sozialen Konventionen verlangten ihm eine positive Bekräftigung ab. Aber ER kann in zwischenmenschlich herausfordernden Situationen nicht so gut improvisieren. Fragen rund um Was-denkst-du-gerade (A) oder Habe-ich-zugenommen (B) stellen ihn vor ein Kommunikationsproblem und dann antwortet ER meist ehrlich: (A) Hoffentlich liefert Amazon morgen meine neue Festplatte. (B) Stimmt! Das wollte ich dir die ganze Zeit schon sagen. Vermutlich hielt ER nun mühsam eine Bemerkung zurück wie „Na, grad aufgestanden?“. Als wir uns später verabschiedet hatten, kam ER unaufgefordert auf das Thema zurück.  

ER: „Sie meinte das ernst mit gerade-vom-Friseur-gekommen, nicht wahr?“

Ich: „Ja.“

ER: „So siehst du nie aus. Bei deinen Pferdehaaren sieht man nicht, wenn sich was verändert hat.“

Ich: „Ich würde es bevorzugen, wenn du nicht von Pferdehaaren sprichst.“

Kurze Pause. ER dachte nach und suchte nach Optimierungspotential bei der Wortwahl.

ER: „Dein Ponyschweif sieht immer gleich aus.“

Ich: „Können wir uns darauf einigen, dass das Tierreich bei der Bewertung meiner Frisur gar keine Rolle spielt?“

ER: „Ist ja auch egal. Ich merke eh nicht, wenn du beim Friseur warst. Deshalb sage ich auch nie was. Pferde hin oder her.“

 

Ihre Tina Voß