Sommerferien

Jetzt beginnt für alle Schüler die schönste Zeit des Jahres, so sagt man. Aber „man“ war vermutlich niemals im organisierten Kinder-Zeltlager an der Ostsee.
Das Gefühl, dass hier irgendwas verkehrt lief, überkam mich schon als Zehnjährige, als meine Mutter fröhlich winkend hinter dem Bus her lief. Sie wollte sichergehen, dass ich auch drin saß. Alle Jungs, denen ich seit der ersten Klasse mal meine Meinung gesagt hatte, waren auch im Bus. So musste sich ein Schaf fühlen, dass mit Wölfen eingesperrt wurde.
In großen Armeezelten bekamen jeweils 20 Kinder einen Platz zugewiesen. Nach Jungen und Mädchen getrennt. Ich atmete auf. Alle wollten an den Strand, ich wollte nach Hause. Der Sand war zu heiß, das Wasser zu kalt. Stürzte ich mich in die Wellen, verschluckte ich mich am Salzwasser und mir rutschte die Bikinihose bis in die Kniekehle. Nie wurde etwas gemacht, was ich toll fand. Ich wollte keine Muschelkette basteln, nachdem ich erklärt bekommen hatte, dass da vorher jemand, eine Muschel, drin gewohnt hatte und nun tot war. Am Strand spazieren gehen? Einmal ok, aber jeden Tag? Eine Seite Wasser, andere Seite Sand. Sah immer gleich aus. Wozu das jeden Tag kontrollieren? Zur Strafe gab es eine Nachtwanderung. Vorteil: man sah das Wasser nicht. Nachteil: Alle waren müde und stinksauer auf mich.
Als ich am nächsten Abend den Schlafsack, potthässlich mit Ankern und Segeln, voller Quallen hatte, wusste ich, dass ich Jungs und die Ostsee hasste. Zum Glück haben sich beide Verhältnisse im Alter normalisiert. Haltet durch, Schüler. Alle Ferien sind irgendwann vorbei.

Ihre Tina Voß