Schau mir in die Augen

Ich bin die Exotin. Zumindest ist das seit neuestem so. Wenn ich mit ein paar Freundinnen Essen gehe, bin ich mittlerweile die einzige Nicht-Vegetarierin.
Seitdem ich mal einen argentinischen Schlachthof besichtigt habe, kann ich allerdings nur noch anonymes Fleisch aushalten. Z. B. der zu einem Bierdeckel geformte Klops auf einem Cheeseburger, obskure Substanzen in Teewurst und Mortadella mit Bärchen-Gesicht. Der Bär lächelt mich zwar an, aber es wirkt irgendwie..nun ja…künstlich.
Ich habe auch mal versucht, ein Hähnchen in Gänze für einen Bräter zu würzen. Mir war nicht bewusst, dass man nach der Ermordung des Tieres dessen Innereien in einen Sack packt und durch den unteren Eingang wieder in den Hahn schiebt. Das fand ich schon zum Gruseln. Als ich aber die kalte, feuchte Haut angefasst hatte, rächten sich die vielen Bücher über Obduktionen umgehend. Ich sah nur noch eine kopflose Babyleiche und rannte weg. 
Im letzten Italien-Urlaub schlug ich mich hin und wieder auf die Seite der Vegetarier, auch wenn das zur Folge hatte, dass ich an den Tagen immer Nudeln mit Käse oder Pommes essen musste. Zudem verlor ich die Nerven, als mich bei der Fischplatte die Früchte des Meeres (klingt harmlos, ist es aber nicht) anstarrten. Diese Knopfaugen! Man sollte dann den Tieren den Schädel abreißen und in den Torso beißen. Nein, danke. Ich erklärte dem enttäuschten Hotelkoch, dass ich nichts essen kann, das mich anschaut. Er nickte und tröstete mich mit dem nächsten Gang. Freudestrahlend stellte er eine dampfende Platte vor mich hin. Darauf lagen die Kinderfüße eines Rudels junger Schweine, scharf angebraten.

 

Ihre Tina Voß