Ruf! Mich! An!

Als Telefone noch Wählscheiben hatten und niemand die Bezeichnung „unterdrückte Rufnummer“ kannte, hatten es die Perversen und Zurückgewiesenen noch leicht. Man(n) wählte einfach eine beliebige Vorwahl, hing eine vierstellige Ziffer dahinter und schon konnte man ins Telefon stöhnen. War man eine abservierte Kurzzeit-Freundin und kannte die Gewohnheiten des Angebeteten, konnte man beispielsweise nach der Nachtschicht morgens einfach mal durch bimmeln und auflegen, wenn der Ex schlaftrunken nach dem dreißigsten Klingeln ran ging. Eine Geheimnummer hatte nicht mal der Bundeskanzler. Hatte man einen Anschluss, stand man im Buch. Basta.
Die einzige zielgruppenspezifische Suche, die für Telefonstreiche und Andersartige möglich war,  war demzufolge das Telefonbuch (Hinweis für die U-30-Leser: Gelber wabbliger Einband, dünne engbedruckte Seiten mit Kolonnen von Namen).  Da daheim lebende Teenager  (konkret in dem Fall: ich) damals noch keinen eigenen Anschluss hatten, wählte eines Sonntagmorgens ein Stöhner die Nummer meiner Mutter. Die meldete sich, er stöhnte, Mama antwortete verdattert: „Oh, Sie wollen bestimmt meine Tochter sprechen. Moment, ich stell sie durch.“
Sie klingelte im Jugendzimmer an: „Hier ist ein junger Mann für dich. Ich hab nicht ganz verstanden, was er wollte.“
Ich meldete mich verschlafen, er stöhnte, ich antwortete: „Oh neee! Ein Perverser und das so früh am Sonntag.“
Er: „Soll ich später nochmal anrufen?“
Ich aufgelegt.

Liebe Grüße

Tina Voß