Ritualmorde

Sonntagabend gibt es ein festes Ritual. Man schaut Tatort. Einladungen, die diesen Zeitraum betreffen, beantworte ich nicht mal. Freunde, die sich zum Sonntagskaffee ankündigen, werden ab 18 Uhr freundlich daran erinnert, dass der morgige Tag sicher für alle anstrengend werden wird und daher frühes Schlafen ansteht. Aus Erfahrung weiß ich nämlich, dass die während der 90 Minuten das Schweigegelübde nicht einhalten oder Getränke fordern, so dass ich Schlüsselszenen verpassen könnte.
Ich weiß niemals, wer der Täter sein könnte. Das interessiert mich eigentlich auch nicht besonders. Ich will meine vertrauten, zum Teil in Ehren ergraute, Ermittler-Kumpels sehen. Die Kritik des Spiegels an einem der letzten Tatorte „Man koche sich eine Hühnersuppe und lege sich ins Bett. Das beinhaltet mehr Spannung“ fand ich unangemessen. Mit dem Hund nach dem Frühstück rausgehen ist auch nicht spannend, aber es ist ein Ritual. Das hinterfragt und kritisiert man nicht.
Nun rief mich eine Freundin nach einem Date an. Der Typ sieht toll aus, ist klug und richtig vernarrt in sie.
„Den will ich nie wieder treffen“, sagte Cinderella.
„Aber warum denn?“
„Das ist der totale Spießer, wie meine Eltern (beide über 80, Anmerkung der Red.). Er kann mich am Sonntag nicht treffen. Da schaut er immer Tatort.“
 

 

Ihre Tina Voß