Professionelle Deformation

„Die Redewendung déformation professionnelle (frz. für etwa ‚berufliche Entstellung‘) benennt die Neigung, eine berufs- bzw. fachbedingte Perspektive unbewusst über ihren Geltungsbereich hinaus auf andere Situationen anzuwenden, was zu Fehlurteilen oder sozial unangemessenem Verhalten führen kann.“ Das sagt zumindest Wikipedia. Was heißt das aber genau?

Juristen dürfen, ohne dass man ihnen einen Vorwurf machen könnte, lügen? Friseure dürfen mit zusammen gekniffenen Augen schlecht gefärbte Haaransätze begutachten und bei Architekten darf sich vor Ekel Ausschlag bilden, wenn sie miserabel eingerichtete Häuser betreten? Dürfen dann wiederum anwesende Hautärzte interessiert diese Pusteln betrachten, um wiederum von Urologen gemustert werden, die ein Prostataproblem vermuten oder Gynäkologen, die, sofern es Hautärztinnen waren, abschätzend schauen, ob es sich um ein Wohlstandsbäuchlein, Wechseljahre oder 7. Schwangerschaftswoche handelt?

Wo fängt diese Deformation an? Zieht sie sich durch unser Privatleben? Wen verdächtigt  eine Politesse im Kino falsch geparkt zu haben? Oder möchte ein Fußballer bei einem Tennismatch am liebsten gegen den Filzball treten? Springt eine Schwimmerin in jeden Teich? Reißt ein KfZ-Mechaniker an der Ampel die Motorhaube des Wagens neben ihm hoch, weil er unbedingt diesem Klingeln auf den Grund gehen will?

Es lohnt sich, die Menschen nach ihrem Beruf zu fragen und anschließend ihr Verhalten zu analysieren. Ich habe früher viel in Kneipen gearbeitet, aber ich versuche nur noch selten bei privaten Feiern am Ende die Getränke abzukassieren. Deformationen sind überwindbar.

 

Liebe Grüße

Tina Voß