Over and out

Während der technologische Fortschritt Purzelbäume schlägt, leben erwachsene Männer seltsame Retro-Trends. Sie hören Schallplatten mit Lagerfeuerknistern als Bonus-Track, fahren alte Autos ohne Klimaanlage, aber mit Qualmwolken am Auspuff und drehen mit sechseckigen Bleistiften den Bandsalat einer Kassette zurück (Hinweis für U-30-Menschen: einfach mal die Begriffe googeln oder die Großeltern fragen).
ER hatte sich vor einigen Monaten in mühevoller Handwerksarbeit zwei kaputte Kassettendecks reparieren lassen, damit sie funktionsfähig daheim vollstauben. Kassetten wurden da noch nie drin abgespielt. Aber ER könnte, wenn er denn wollte. Die Kassetten stauben in unmittelbarer Entfernung vor sich hin. Ein Bleistift liegt in der Nähe. Sechseckig.
Ich dachte ja, dass ER eine Ausnahme ist und alle anderen Männer normal mit der Zeit und den Möglichkeiten der Technologie schwimmen.  Als ER aber im Beisein seines Freundes die bestellten und sehnsüchtig erwarteten Funkgeräte auspackte, leuchteten vier Augen. Meine waren nicht dabei. Die  Faszination der Geräte nahm die Jungs so sehr gefangen, dass sie meine Anwesenheit und ausgeschalteten Augen glatt vergaßen.  Batterien wurden durchgemessen und eingelegt, an allen Schaltern gedreht, Gehäuse abgeschraubt und die Headsets bestaunt. Dann kam der feierliche Moment der Inbetriebnahme.

ER: „Ralf, hörst du mich?“
Ralf: „Nein.“

Sie saßen sich im Abstand von einem Meter gegenüber.

 

Ihre Tina Voß