Kleptomanie

Voller Scham habe ich in einer Studie gelesen,  dass ich eine Diebin bin. Wenn ich in einem Hotel schlafe, baue ich nicht die Kloschüssel oder das Bett ab, aber ich nehme immer die angebrochenen Duschgel-Pröbchen mit. Kein Bademantel, kein Handtuch, nur die kleinen Fläschchen.  Mehr nicht. Ich schwöre! Das erste und  letzte Mal habe ich wissentlich bei Frau Henze im Tante-Henze-Laden gestohlen. Da war ich 10 Jahre alt und es war eine Mutprobe, zu der mich meine Freundin Anja angestachelt hatte (Anja, das habe ich nie vergessen! Auch nicht die Sache mit dem Tagebuch!). Ich sollte Lakritzschnecken entwenden. Damals war es unsere Freizeitbeschäftigung, die Schnecken im Mund soweit abzurollen und festzuhalten, bis ein Teil schon im Magen war und man würgen musste.  Warum wir das taten, habe ich vergessen. Schweißgebadet hatte ich eine Tüte eingesteckt. Draußen erklärte mir Anja, dass man für diese Straftat (das Klauen, nicht das Abrollen) lange ins Gefängnis kam und anschließend ins Heim musste. Sie wäre aber bereit, mich ausnahmsweise zu decken, wenn ich ihr a) die Schnecken überlassen würde und b) das Taschengeld der nächsten Monate gäbe. Als ich volljährig wurde, schwand die Angst vorm Heim. In einer Führerscheinkontrolle wäre ich heute noch bereit, die Schneckenstraftat zu gestehen und meine Strafe anzutreten. Die Angst sitzt tief.

 

Ihre Tina Voß