Kaltes Buffet

Am Anfang meiner Selbstständigkeit nahm ich gerne Einladungen an, in denen stand, dass am Ende ein Imbiss gereicht wurde. Das erschien mir die beste Möglichkeit, abends schnell und ohne Aufwand etwas zu essen zu bekommen. So hörte ich interessante Ausführungen zu Themen wie z.B. „Frankiermaschinen im Wandel der Währungen von DM zu Euro“. Damals gab es bunte Brötchen. Seit einigen Jahren werden die feilgebotenen Waren immer experimenteller, aber meine Geschmacksnerven bleiben konservativ. Ich kann z.B. wirklich keine Blumen essen. Wenn ich den jährlichen Frühlingsstrauß meines Anzeigenberaters bekomme, streue ich ja auch kein Salz drauf und beiß den Tulpen die Köpfe ab. Neulich wurden kleine Fische liegend auf ihrem eigenen Sarg durch den Raum getragen - Sar(g)dellen auf Aal-Terrine. Das fand ich zwar optisch eine interessante Idee, aber lehnte dankend ab. Mein Nachbar, ein bekannter Bauunternehmer, war nach dem langen Vortrag wohl ausgehungerter, griff zu und ließ das ganze Gebilde mit einer Kippbewegung in den Mund gleiten. Sein entsetztes Gesicht, als die Geschmacksnerven den Überfall ans Gehirn meldeten, war sehenswert. Tapfer und gut erzogen kaute er Fisch und schwammigen Sarg klein, während ich in Lachkrämpfen über den Boden rollte. „Das war das schrecklichste Essen, seit ich feste Nahrung zu mir nehme“, kommentierte er nachdem er den Geschmack mit zwei Gläsern Bier runter gespült hatte. Wir fassten einen Plan, lockten jede Menge arglose Gäste an unseren Tisch und bunkerten ein Tablett der ungewöhnlichen Speise. Begeistert redeten wir auf die Ahnungslosen ein und kippten jedem unter gutem Zureden eine Portion in den Mund. So blieben wir zwar hungrig, aber waren bestens unterhalten.

 

Ihre Tina Voß