Grenzen der Berufswahl

In einer Fernsehserie Anfang der 80er Jahre gab es eine hinkende Figur namens „Bein-Godik“. Nach einer Schulter-OP bin ich quasi ein Arm-Godik. Einer von zwei Armen baumelt nutzlos in einer Schlinge. Das bringt allerlei Ungemach mit sich. Schnürsenkel binden mit einer Hand? Geht nicht. Haare waschen? Geht nicht. Ich bin also auf Hilfe angewiesen und zwar auf SEINE.
ER sollte mir einen Zopf flechten und fragte: „Wie geht das?“
Wie erklärt man flechten? Wie erklärt man eine Schleife binden? Das war doch Wissen, das man in den Genen mit sich trug. Vergleichbar mit Atmen oder Niesen.
Ich: „Na, immer so hin und her.“
Ich teilte ihm die Haare einhändig in drei Teile. ER fing an, zwei Teile in der gleichen Weise, wie man Kabelenden an Lautsprecher-Boxen verdrahtet, umeinander herum zu drehen und fragte: „Was passiert mit dem 3. Strang?“ Ich ging danach mit einer Vivienne-Westwood-Vogelnest-Frisur ins Bett. Verbandswechsel bedarf ebenfalls einiger Vorbereitung. ER kann das nur sitzend auf dem Sofa, damit er sich beim-in-Ohnmacht-fallen nicht den Kopf aufschlägt. Ich kauere dabei auf der Erde, sonst kommt ER ja nicht an die Schulter. Essen zubereiten fällt für kurze Zeit auch in SEIN Ressort. ER bietet mir immerhin Auswahl an: „Willst ein Brot oder ein Toast?“ Ich koche nun einarmig und reiße mir den Verband selber runter. Wie fühlt man(n) sich wohl so eingeschränkt, wenn trotz des Einsatzes von zwei gesunden Armen gefragte Berufe wie Friseur, Koch oder Krankenpfleger außerhalb der eigenen Möglichkeiten liegen? 

 

Ihre Tina Voß