Genießer

Höflicher Gastgeber:„Möchten Sie Kaffee oder lieber Tee?“
Erwachsene, aufgewachsen im Harzvorland: „Sehe ich krank aus? Kaffee natürlich.“
Da, wo ich herkomme, nutzt man Tee gegen Krankheiten: Kamille als Dampfbad bei Erkältung (Rest für Haarspülung), schwarze Teebeutel bei geschwollenen Augen (der Sud daraus hat irgendwas mit Flecken weggemacht) und Pfefferminz bei Magenproblemen, Kräutertee war für Oma und Früchtetee war für nix gut, gabs aber auch.
Findige Marketingspezialisten mischten die o.g. Strauchgewächse mit anderen Substanzen wie Fenchel (der gemüsegewordene Ouzo), Anis (wiedergeboren als Pernod) oder Kümmel. Dann gaben sie den Mixturen klangvollen Namen, die dafür sorgten, dass die Mischungen nur von Frauen gekauft werden. Welcher Mann möchte an der Kasse mit „Mach mich schön“ oder „Hol Dir Ruhe“ gesehen werden? Die wirklichen Genießer aber sind die Puristen, die industrielle Fertigmischungen für das Fast Food des Tees halten. Die Puristen kippen heißes Wasser auf Spontanvegetation (amtlicher Name für Unkraut) und genießen den Trank schluckweise aus einer dünnen Porzellantasse. Dazu zählt auch der Frauenmantel. Soll bei Menstruationsbeschwerden oder Durchfall helfen. Hat man beides, ist der Sud wirklich sinnvoll.
Als bei einer Teeverkostung alle an ihren übergossenen Birkenblättern schnupperten, roch ich leider nur Gartenkompost. Mein Gaumensegel verschloss sich und ließ keinen Tropfen durch. Dann kam Löwenzahntee an die Reihe. Das ist neben Brennnesseln das bevorzugte Gewächs meines Mops-Rüden. Und zwar zum Dranpinkeln. Ich gab auf, schlich mich zur Theke des Lokals und zeigte auf ein Weizenglas: „Da rein bitte einen dreifachen Cappuccino.“ Ich schloss die Augen und schnupperte an dem heißen Halbliterglas. Ich war kein Purist, ich war Genießer, nur irgendwie anders.

 
Ihre
Tina Voß