Für die Frau ab 40

Dieser Satz stand unter dem Titel eines Frauenmagazins. Seit über einem Jahr fiel ich schon in die Zielgruppe und wollte mich daher nun mal den neuen Lebensthemen widmen.

Erstaunt las ich Seite über Seite was mich denn nun ab sofort zu interessieren hatte. Dabei übersah ich den 60%igen Werbeanteil von Anti-Falten-Creme hoheitsvoll. „Was trage ich zur Hochzeit?“ war ein großes Thema. Ja, aber nicht als glückliche Braut sondern als Brautmutter oder Braut-Oma! Passend dazu zeigten die nächsten Werbeseiten Hornhaut-Entfernungs-Creme und Schrundensalbe. Seit ich das Wort gegoogelt habe, bedauere ich, dass ich es kenne. Die funktionierenden Beziehungen von 66-jährigen nicht monogamen Partnern erstaunten mich genauso wie das Titelthema. Darf man im Alter wilde Flirts haben und seine sehr reife Gewebestruktur in Bikinis zwingen? Die Protagonistinnen sagten über sich, dass sie in engen Kleidern aussähen wie eine Bratwurst mit Blähungen und die hochhackigen Schuhe ihre Hammerzehen verschlimmern würden. Stopp! Das möchte ich nicht über Menschen wissen. Auch nicht was man unternimmt, wenn ein frisch verrenteter Ehegatte zum Vegetarier wird, auch nicht, wie Yoga den Beckenboden trainiert und damit gut gegen die weibliche Inkontinenz ist. Zu viele Details!

Ich habe die Zeitung schnell wieder zugeschlagen und heimlich in den Lesestapel ins Büro geschoben. Vielleicht haben wir ja eine tolle Bewerberin um sechzig, die gerne drin blättert. Ich starte in einem Jahrzehnt einen neuen Versuch. Bis dahin werde ich meine Füße und Falten genau beobachten. Einige Werbeseiten habe ich mir mal, rein prophylaktisch, rausgerissen. Kaum passt man mal nicht auf, ist man fünfzig und weiß nicht, welche Creme das Schlimmste verhindert oder man kleidet sich versehentlich wie eine darmkranke Bratwurst. Bis dahin blättere ich mal eine BRAVO Girl durch. Die fand ich früher gar nicht so übel.

Ihre

Tina Voß