Fisch im Sand

Schwimmen ist gesund, schont die Gelenke und sogar 80-Jährige hüpfen fünfmal die Woche ins Chlor. Es gab also keinen ersichtlichen Grund, warum ich das nicht auch mal ausprobieren sollte. Da meine Technik mal gerade eben für den Freischwimmer gereicht hatte und ich beim Brustschwimmen aussah, als würde ein alleinlebender Kopf ohne Torso seine Bahnen ziehen, erschien mir das Kraulen weniger entwürdigend zu sein. Natürlich wollte ich das unbeobachtet erlernen. Als ich daher am Telefon der Schwimmschule meinen Wunsch nach Anonymität äußerte, schlug der Lehrmeister das Bad im Taub-Blinden-Zentrum vor. Der Mann verstand meine Sorgen. Einige Wochen später beherrschte ich mühsam die Technik und er riet mir: üben, üben, üben.

An einem Sonntag, nur zwei Jahre später, startete meine erste Übungseinheit. Ich fuhr Sonntag vor dem Frühstück ins örtliche Hallenbad. Da fand ich mich bereits auf der Treppe zwischen tausenden von Büchern und CDs wieder. Ein dreiwöchiger Hallenbad-Bücher-Flohmarkt hatte sich breit gemacht. Ob das Konzept Wasser, Wärme und Papier wohl aufgeht?

Die Schwimmbrille saß nicht, das Wasser kochte („Sonntags findet bei uns der Warmbadetag statt“) und meine Lungen ertranken im Chlorwasser. Wie ging bloß diese verflixte Atemtechnik? Triefend suchte ich in den Tiefen meiner Tasche nach der Nasenklammer und probierte verborgen in der Behindertentoilette aus, wie rum man diesen Bügel doch gleich aufsetzte. Nach zwei Jahren sah das Gerät für mich aus wie ein zahnärztliches Instrument, aber nicht wie etwas, das meine Nase erdrosseln sollte. Um Luft ringend stieg ich wieder ins Wasser, aber schon bei den ersten Zügen, traf mich ein Altmänner-Fuß an der Nase (ich hatte SEINE Bahn gekreuzt). Die Klammer fiel runter und versank unerreichbar auf den Grund. Meine Technik wirkte auf den Bademeister so, als würde ich ihn in höchster Not zu mir winken und er trat mehrfach irritiert aus seinem Aquarium heraus. Meine Ohren, Lungen, Nase und Mund waren mit Chlorwasser randvoll. Es reichte. Fische wollen nicht durch den Sand pflügen und ich nicht durchs Wasser. Ich hasse Schwimmen und hätte daher zwei Schwimmbrillen kostenfrei abzugeben. Ach ja, und eine Ersatz-Nasenklammer in rosa.

Ihre

Tina Voß