Emergency

Ich bin ein Fan von Hannover 96. Deswegen habe ich ein Bezahlsender-Bundesliga-Abo und zwar schon so lange, dass bei Abschluss des Vertrages Vodafone noch Mannesmann hieß  und „to-go“ nicht mal bei Kaffeespezialitäten in Mode war. Mittlerweile gibt es nämlich sogar Sky-to-go, nur für solche Altkunden wie mich noch nicht.
Ohne mobiles Bundesliga-Abo, ohne erreichbare Sky-Bar, aber mit Highspeed-Internet gab es an einem Wochenende in der Heide nur die Flucht in die Illegalität. Also wollte ich zum ersten Mal in meinem Leben einen Livestream im Internet schauen. Auf diversen Seiten versuchte ich mein Glück, lud mir irgendwelche obskuren Player runter, ohne die, so offerierte die jeweilige Seite, kein Fußballvergnügen möglich war. Ich wurde erst stutzig, als sich in den Ecken des Bildschirms kleine Fenster öffneten, in denen sich nackige Frauen rekelten und mich ganz direkt fragten, ob ich mal ihre Brüste oder schlimmeres anfassen wollte. Ich war empört! Die kannten mich doch gar nicht. Das Verhalten fand ich distanzlos und klebte die Web-Kamera am Notebook mit Pflaster zu. Sicher ist sicher. Bis zur 88. Minute hatte ich ein Dutzend Player runtergeladen, diverse Fass-mich-an-Fenster geschlossen, aber keinen einzigen menschlichen Player im 96-Trikot gesehen. Ich gab auf.
Wochen später hängte ich mein Notebook ohne Unrechtsbewusstsein ins Firmennetzwerk und sah auf meinem stationären Rechner nur noch sinnfreie Buchstabensalate. Unsere alarmierte IT-Frau hechtete zu meinem Rechner und zog sofort den Stecker. Der Dienstleister leitete Notmaßnahmen ein und ließ mittels eines Emergency Kit den Rechner scannen. Stunden später durfte der hochgradig infizierte Rechner die Intensivstation verlassen und war geheilt.
Sehr langsam baute sich in mir eine logische Gedankenkette auf. Notebook, Fußball, Brüste, Downloads, Netzwerk? Als ich meine Vermutung der Virenherkunft aussprach, glotzten alle fassungslos. Die Chefin hatte sich über eine illegale Fußballseite Pornoseiten als Viren eingefangen und diese im Netzwerk gestreut? Klang blöd, war es auch. Bezahlfernsehen habe ich nun gekündigt, weil ich erfahren habe, dass Abtrünnigen bei Kündigung immer das Zusatzmodul „to-go“ angeboten wird und ich damit überall Fußball gucken kann. Die Kündigungsfrist läuft nächste Woche ab, aber mich hat noch keiner angerufen, um mir dieses Zusatzmodul zu offerieren.

PS: Das ist natürlich alles frei erfunden. Ich würd nie, nie, nie illegal Fußball schauen. Pfui!

 

Ihre
Tina Voß