Durchblick

Falls die Sehkraft nachlässt, kann man in unserer Zivilisation mit monofokaler Sehhilfe (Brille) oder geselligen Hülsenfrüchten (fand ich in einer Rateshow mal brüllend komische Umschreibung für Kontaktlinsen) nachhelfen. Niemand muss wie ein Maulwurf rumlaufen und hoffen, dass freundliche Passanten die Straßennamen vorlesen, wenn man sich verlaufen hat.

Meine Freundin Cinderella wies kürzlich einen Kassierer daraufhin, dass sie eine inakzeptable Altersweitsichtigkeit hätte, als er ihr den EC-Karten-Bon umdrehte und mit seiner Hand auf den Betrag zeigte. Sie bat, dass er ihr nur zeigen solle, wo sie unterschreiben müsste. Ich kontrollierte derweil den Betrag und wimmerte vor unterdrücktem Lachen, damit nicht noch mehr Menschen aus der Kassenschlange auf uns aufmerksam wurden.

Immer, wenn Buchstaben ins Spiel kamen, passierten lustige Sachen. Diese winzige Markierung „max“ im Wasserkocher konnte sie nun wirklich nicht erkennen. So hatten wir statt eines frischen Tees einen sprudelnd kochenden Geysir in der Küche, der eruptiv sein heißes Wasser verteilte.

Einmal war ich leider nicht dabei, denn ich wartete auf sie während eines Festes an der vereinbarten Stelle. Auf dem Weg dahin piepte ihr Telefon und es kam Dunkelheit erschwerend hinzu. Cinderella hatte Sorge, dass ich einen anderen Treffpunkt auserkoren hatte und ging mit dem Telefon lächelnd zu einer Gruppe junger Männer und bat darum, dass ihr die wichtige SMS ihrer Freundin vorgelesen  würde. Ein Teenager griff sich das Telefon und las: „Ihr Guthaben beträgt noch 2,40 Euro. Herzliche Grüße Ihr Vodafone-Team.“

Seitdem ruft sie an und fragt, ob ich ihr soeben eine Nachricht geschickt hätte oder steckt heimlich eine Brille ein. Dabei lese ich ihr gerne bei Kerzenschein Menükarten vor.

 Ihre

Tina Voß