Bei Tisch

Jeder isst anders. Ich picke mir zuerst aus einem Salat alles raus, was lecker ist: Schafskäse, Schinken oder Oliven. Andere Menschen beobachten hingebungsvoll, wie beispielsweise Cornflakes in der Milch einweichen und greifen erst zum Löffel, wenn die richtige Konsistenz erreicht ist.

ER schiebt das, was lecker ist, sanft auf den Rand des Tellers, isst alles andere vorher auf und wendet sich dann genussvoll den wartenden Bröckchen zu. Für einen ahnungslosen Beobachter sieht das seltsam aus, ungefähr so als würden die Schafskäse-Würfel beim Essen vom Tellerrand aus zuschauen. Ich dachte anfangs, dass ER keinen Schafskäse mag und pickte mit meiner Gabel die kleinen Beobachtungsposten auf. Das führte beinahe zum Ende der jungen Beziehung. Und meines Fingers. Er hatte seinen Teller mit dem Messer verteidigt.

Neulich waren wir mit neuen Freunden essen. Einer davon ist Werkzeugmacher, heißt Thomas und ist rechten Winkeln mit inniger Liebe verbunden. Aber seine Pizza war nun definitiv rund. Und groß. Er nahm die Gabel des Lokals, aber sein eigenes Messer und schnitzte so lange an der Pizza, bis sie rechteckig war. Nach einem Schluck Bier widmete er sich mit großer Präzision der Restarbeit. Er schnitt alles in exakt gleiche streichholzschachtelgroße Rechtecke, ordnete sie linear in Viererreihen an und fing dann von unten links nach oben rechts an, sie in gleichmäßiger Geschwindigkeit zu essen. Ich war so sehr mit Starren beschäftigt, dass die Schafskäsestücken aus meinem Salat verschwunden waren. Neben mir kaute ER mit vollem Mund, nur beobachtet von SEINEN Leckerlies auf dem Tellerrand. Jeder isst anders.

 
Ihre
Tina Voß