Ausgebrannt

 

In meinem Posteingang liegt eine Email mit dem Betreff „Achtsam statt ausgebrannt“. Das klingt für mich logisch und erstrebenswert. Da es sich nur um 6 Tipps handelt, kann ich die sicherlich schnell in meinen Alltag integrieren und überfliege die Vorschläge.
Der erste Vorschlag lautet: „ Genießen Sie morgens den ersten Schluck Kaffee. Schmecken Sie die Aromen.“ Das sollte hinzubekommen sein. Runterstürzen des lebensnotwendigen Koffeins also erst ab Schluck zwei. Es geht weiter mit: „Bleiben Sie stehen, wenn Sie an einem Baum vorbei kommen.“ Auf meinem Weg zur Arbeit liegt die Eilenriede, der größte Stadtwald Europas. Ich überschlage, dass ich für die Durchquerung und Umsetzung der Achtsamkeitsübung sechs Monate Urlaub beantragen sollte.
Dann folgt „Innehalten beim Haus verlassen“. Vielleicht kann ich bei den ersten drei Bäumen unachtsam weiterfahren, dann habe ich die Innehalten-Zeit beim Aufbruch locker wieder reingeholt.  Um auch die anderen Verkehrsteilnehmer in meine Entschleunigung einzubeziehen, gefällt mir der Vorschlag „Drücken Sie nicht aufs Gas, sondern fahren Sie vor der nächsten grünen Ampel langsamer“ am besten. Ich fühle die amoklaufenden Autofahrer förmlich in meinem Nacken. Ampel für Ampel. Irgendwann freut sich eine Werkstatt über die Reparatur von Stoßstangen nach Auffahrunfällen. Da kurbelt die Achtsamkeit noch zusätzlich den Umsatz einer ganzen Branche an. Maximale Erholungsrendite!
Wenn ich also Anfang des Jahres mit den Tipps morgens aufgebrochen bin, komme ich mit einem runderneuerten Auto im 3. Quartal des gleichen Jahres im Büro an. Dann befolge ich noch die letzen beiden Tipps „Gehen Sie eine Treppe in Zeitlupe runter“ und „Schauen Sie in den Himmel und beobachten den Zug der Wolken“ in Kombination und verbringe den Rest des Jahres mit gebrochenen Knochen in stationärer Pflege. Entschleunigung ist, was man draus macht!

 

Ihre Tina Voß