Aus heiterem Himmel

Normalerweise kann ER sein Leben problemlos mit iPad, WLAN und Notebook verbringen. Es gibt viel zu entdecken, beispielsweise Youtube-Filmchen über das richtige Aufbrühen von Espresso mit einer Siebträgermaschine. Wenn es draußen regnet, ist die Anleitung allerdings hinfällig. Die Luftfeuchtigkeit verändert das Pulver.  Wir müssen dann Tee trinken, weil der Geschmack mittels Mahlgrad nicht zu halten ist.

Urplötzlich brach aber etwas wie ein Malariaschub über ihn herein: ein Heimwerkeranfall der schlimmsten Stufe. Sowas hatte ich auch mal. Da wollte ich ein Schränkchen abschleifen. Eine Tätigkeit, die ich bisher lediglich aus Erzählungen kannte. Sie endete mit einer Notfallversorgung meiner Augen mit dem Einträufeln von Kochsalzlösung. Nach einigen Tagen war auch der letzte Span aus Augen und Nase verschwunden.  Zwei Jahre später hat eine handwerklich begabte Freundin das Werk vollendet.

Nun hat es ihn erwischt. Meterlange Holzlatten und Dachpappe werden auf dem kleinen Auto transportiert. Dafür wurde ein Dachgepäckträger angeschafft. Mittels Youtube-Filme wurde der beste ermittelt. Als plötzlich auch noch eine Kettensäge auftauchte, bekam ich es mit der Angst. Ich beobachtete ihn heimlich beim Anleitungsvideos gucken. Wollte er ein Haus bauen? So eine Art Baumhaus, in der sich Kinder verstecken? Wir haben nur einen Hund.

Ich sammelte allen Mut zusammen und fragte: „Was zur Hölle baust du da?“

ER:„Einen Unterstand für gehacktes Holz.“

Ich: „Wir haben aber kein gehacktes Holz.“

ER: „Noch nicht. Erst brauchen wir ja auch den Unterstand.“

Ich: „Ist das Bauen nicht teurer als so ein fertiges Ding aus dem Baumarkt? Und dauert das nicht viel länger?“

ER: „Ja.“

Nun lese ich nachmittags keinen Krimi mehr, sondern schaue mit einer heißen Tasse Kaffee in der Hand raus in den Regen und beobachte den klitschnassen Kerl, wie ER Nägel in Euro-Paletten-Gebilde mit Dachpappe haut. Der zufriedene Blick des Mannes auf SEIN Werk. Unbezahlbar.

 

Liebe Grüße

Tina Voß