Animalische Abende

Kleine private Weinseminare werden im Alter immer beliebter. So wie früher bei einer Bottle-Party bringt auch heute jeder eine Pulle mit. Während früher das Tagesziel schnell, billig und voll hieß, bin ich heute nicht mehr sicher, was eigentlich das Ziel eines solchen Abends sein könnte.

Eine Batterie von Weingläsern gruppierte sich auf dem Tisch wie eine Verkaufsausstellung bei Villeroy & Boch (oder machen die nur Kloschüsseln?) und der geplünderte Weinkeller eines Gourmetrestaurants wartete auf der Anrichte auf seinen Tod durch Ertrinken. Briefmarkengroße Tellerchen hatten mir aber verraten, dass es auch irgendwas zu essen geben würde. Ich war erleichtert. Die erste Runde wurde eingeschenkt. Alle hielten die Nase tief ins Glas und überlegten, wonach es riechen könnte.

„Mango, ganz klar eine Mango-Note…“ Schnüffelschnüffel.

„Mango? Meinst Du?“ Schnüffelschnüffel…. „Ich denke, das ist eher Passionsfrucht!“

„Wein, ganz klar Wein“, beteiligte ich mich am Gespräch.

Das Schnüffeln, Röcheln und Schnaufen verstummte. Alle glotzten. Ich versuchte mit dem ganzen Kopf im Weinglas zu verschwinden. Soziale Ausgrenzung drohte. Aber halt, ich sah wie ein Teilnehmer sein Grinsen hinter einer Serviette verstecken wollte. Ein Verbündeter?

Nachdem die Gläser nahezu leer geschnüffelt waren, ging’s los mit dem Trinken. Früher gab es eine Runde Flaschendrehen vorweg.  Nun wurde um die Wette geschlürft, gegrunzt und gezischt. Ich gurgelte. Soziale Kälte schlug mir erneut entgegen.

Waldboden, Speck, nasse Wolle hießen später die Beschreibungen. Zu der Zeit trank ich mit dem Grinser bereits seit längerer Zeit Bier. Bei jedem Anstoßen gurgelten wir, nickten uns zu und sagten: „Bier, eindeutig Bier. Im Abgang und vorne auch.“

Der Abend neigte sich dem Ende zu und alle waren irgendwie durch irgendwas betrunken. Als ich dann den Satz hörte, dass auch eine leichte schweißig-animalische Geruchsnote die Komplexität des Buketts eines Spitzenweines ausmachen konnte, war es endlich klar. Alles war wie früher, man brachte Pullen mit, trank sie aus, aber statt Flaschendrehens gab es diese Gespräche über Abgang, Früchte und Schweißgeruch.

Ihre Tina Voß