Angelroboter

Stapft man im Winter dick eingepackt an der Ostsee lang, sieht man mancherorts hüfttief im Salzwasser seltsame Figuren. Von weitem erinnern sie mich an Vogelscheuchen. Aber warum hat man die Dinger ins Wasser gestellt? Wehren die Haie oder Quallen ab? Aber nein! Die sind lebendig. Das sind Angler, die fünfzig Meter von einer Fischbude entfernt, ihre Rute ausgeworfen haben. Wie kommen die auf so eine Idee? Ich springe doch auch nicht auf eine Kuh und beiße der in den Rücken, wenn ich Hunger habe. Dafür gibt es doch Fachgeschäfte.

Komischerweise habe ich noch nie Frauen gesehen, die im Winter in der Ostsee rumstehen. Sind wir Frauen durch Erziehung von unserem natürlichen Angelbedürfnis entfremdet worden? Die einzigen Frauen, die ich kenne, die nachts aufstehen, um panierte Regenwürmer, Kaffee und Käscher ins Auto zu laden, sind die, die frisch in einen Angler verknallt sind. Für wenige Wochen ist es dann beglückend, den schweigenden Typ auf einem Klappstuhl  mit Blicken anzuschmachten. Sprechen darf man nämlich nicht. Das vertreibt die Fische.

Was finden Männer bloß daran, Würmer aufzuspießen, stundenlang zu frieren und ab und an ein glitschiges Tier aus dem Wasser zu ziehen? Nächsten Winter bölke ich diese Frage mal rüber zu dem Angelroboter in der Ostsee. Das findet der bestimmt prima.

 
Ihre
Tina Voß