Liegefahrräder

„96 – alte Liebe“ lautet der aus vielen Kehlen gegrölte Schlachtruf der Roten vor jedem Spiel, manchmal auch danach, aber nur, wenn sie gewonnen haben. Damit sich das Lied nicht zu schnell abnutzt, gewinnen sie vorsichtshalber nicht so oft.

Neben dem Fußball begeistert mich seit vielen Jahren das interessante Verhalten der Männer auf den Tribünen. Egal ob Lehrer, Zahnarzt, IT-Koordinator oder Lagerarbeiter, alle sind Trainer und wissen es um Längen besser als der, der dafür bezahlt wird.Nach dem 2. Fehlpass von Jiri Stajner brüllen die ersten 5.000 Trainer:„Stajner raus!“ und kreischen, mit an den Schläfen hervortretenden Adern, weitere Anweisungen zur Defensivaufstellung in Richtung der Trainerbank. Aber mal im ernst. Was erwarten die nach solchen Tipps? Daß der Trainer sich umdreht, interessiert nachfragt und die Vorschläge ad hoc befolgt? Das wird sicher interessant werden bei dem Vorschlag „Schmeißt die ganzen faulen Millionäre raus!“ oder „der gehört erschossen bei der Leistung!“ Der Trainer ahnt die schwierige Umsetzung und ignoriert daher die Tribünenbrüller. Falls aber Stajner versehentlich ein Tor schießt, kloppen sich die Männer selig lachend gegenseitig auf die Schulter und murmeln: „unser Stajner, der kann das halt“. Wie bitte? Vor 10 Minuten wollten sie ihn meucheln oder zumindest sofort auswechseln und nun das? Der Versuch, der Sache auf den Grund zu gehen, scheitert übrigens nach 10 Sekunden an den verständnislosen Blicken der Hobby-Trainer. Als Trainer muß man zweistellig zu null gewinnen. Dann gibt die Meute Ruhe – bis zum nächsten Spiel.

 

Abpfiff