Das Arbeitszeugnis – Zeit- und Prestigefaktor mit Risiko

Als Herr Meier seinem ausscheidenden Mitarbeiter ein Zeugnis ausstellte, reagierte sein HR-Chef befremdet: „Wieso schreiben Sie ein Zeugnis, der arbeitet doch jetzt nicht mehr für uns?“ Die Firma von Herrn Meier ist ein französischer Konzern und befindet sich im Burgund. In Deutschland wäre eine derartige Reaktion undenkbar. Bei uns gab es Arbeitszeugnisse bereits beim Gesindezwangdienst. Mit der Reichspolizeiordnung von 1530 wurden Atteste für ordnungsgemäßes Ausscheiden eingeführt. Kein Dienstherr durfte einen Knecht in sein Haus nehmen, wenn er kein Zeugnis vorweisen konnte, in dem stand, dass er auf ehrliche Weise und mit Zustimmung des letzten Dienstherrn gegangen war. Herrschaften, die Dienstboten ohne Zeugnis beschäftigten oder ein solches verweigerten, drohten Geldstrafen.Das hat sich bis heute nicht verändert. Mehr noch, wer sich als Unternehmen als unqualifizierter Zeugnisschreiber outet, riskiert seinen guten Ruf.

Wussten Sie, dass Deutschland und die Schweiz die einzigen Länder in Europa sind, in denen es einen gesetzlichen Anspruch auf ein qualifiziertes Arbeitszeugnis gibt? Mehr noch, nach der Rechtsprechung muss, um Fairness zu gewährleisten, das Zeugnis wohlwollend formuliert sein, um dem Arbeitnehmer das berufliche Fortkommen nicht zu erschweren.

Das qualifizierte Zeugnis

… müssen Sie schreiben, ob Sie wollen oder nicht. D. h. egal, was Sie von einem Mitarbeiter halten, Sie werden sich wohlwollend zu dessen Führung und Leistung äußern müssen. Bei schlechten Mitarbeitern erschweren nicht zuletzt die eigenen Emotionen eine professionelle Umsetzung dieser Anforderungen. Trotzdem, ein Zeugnis ist keine innerbetriebliche Leistungsbeurteilung, sondern eine Referenz im Sinne eines Empfehlungsschreibens. Was dort stehen darf und wie, hat der Gesetzgeber festgelegt, leider zu unkonkret um Fehler auszuschließen.

Viele Arbeitgeber unterschätzen allerdings, welche Risiken diese Formulierung birgt.
Risiko Wahrheitspflicht    
Ein Arbeitszeugnis muss alle wesentlichen Tatsachen enthalten, die für eine Gesamtbeurteilung von Bedeutung sind und an denen ein künftiger Arbeitgeber ein „berechtigtes, billigenswertes und schutzwürdiges Interesse“ haben könnte. Was allerdings ein berechtigtes Interesse ist, darüber ist schon so mancher Prozess zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer geführt worden. Negative Beurteilungen sind nur dann zulässig, wenn sie für die gesamte Dauer der Beschäftigung charakteristisch waren. Auch hier gehen im Ernstfall Ansichten von Mitarbeitern und Arbeitgeber auseinander.
Risiko Vollständigkeit
Vollständigkeit bedeutet, dass das Zeugnis keine Lücken enthalten darf. Es müssen alle für die Beurteilung der Leistung und der Führung wichtigen Dinge erwähnt werden. Der Zeugnisaussteller darf nichts auslassen, was der Zeugnisleser üblicherweise erwartet. So darf bei einer ehrlichen Kassiererin nicht der Hinweis fehlen, dass sie ehrlich ist, bei einem guten Einkäufer, dass er Verhandlungsgeschick besitzt und bei einer Führungskraft, dass er oder sie als Vorgesetzte(r) anerkannt ist.
Risiko Wohlwollen
Das Zeugnis muss wohlwollend formuliert sein und darf das berufliche Fortkommen nicht ungerechtfertigt erschweren, so der BGH (Deutschland: BGH 26. November 1963, DB 1964, S. 517). Nicht zuletzt deswegen, ist der stets positiv scheinende Zeugniscode entstanden. Den hat das Bundesarbeitsgericht aus „Gründen der Rechtssicherheit“ akzeptiert, obwohl die Formulierungen wohlwollender klingen als sie gemeint sind (BAG 23.September 1992 - 5 AZR 573/91). Trotzdem kann jeder Satz zum Streitgegenstand werden, wenn der andere eine Doppeldeutigkeit erkennt. 1998 hat das Landesarbeitsgericht Hamm z.B. der Klage einer Krankenschwester entsprochen, die sich mit dem Satz: „Sie war sehr tüchtig und in der Lage, ihre eigene Meinung zu sagen“ als aufsässige Mitarbeiterin gebrandmarkt sah (Az: 4 Sa 630/98).

Geheimsprache Zeugniscode

Wer sich „bemüht hat, den Anforderungen gerecht zu werden", ist durchgefallen. Die einfachen Regeln der Notenverklausulierung beherrschen die meisten. Bei der Reihenfolge- und Negationstechnik sind viele Personaler schon weniger fest im Sattel. Welches zusätzliche Adverb steht jetzt genau für welche Leistung? Ist voll besser als überdurchschnittlich? Abgesehen vom Formulierungsaufwand, wissen Sie noch genau, was alles auf gar keinen Fall in einem Zeugnis stehen darf? Prüfen Sie regelmäßig auf doppeldeutige Formulierungen?

Endstation Gericht

Der Streitwert für eine Zeugnisklage ist regelmäßig ein Bruttogehalt, der Imageschaden im Klagefall liegt um einiges höher. Die Zeit, regelmäßig die aktuellen Gerichtsentscheidungen von Zeugnisprozessen zu lesen, hat neben dem Tagesgeschäft kaum ein Personaler.
Unternehmen können jedoch die Zeugniserstellung an Profis aus dem Arbeitsrecht auslagern. Neben der Zeit und Kostenersparnis, ist auf diese Weise vor allem in schwierigen Fällen die Wahrung der eigenen Neutralität und Professionalität gesichert.